Schüßler-Salze, Bachblüten, Homöopathie – ja was denn nun?

Heute war ich beim Podcast „Grams‘ Sprechstunde“ bei der sehr geschätzten Dr. Natalie Grams zu Gast – zu meiner Freude schon zum dritten Mal. Heute ging es – nach Zuhörerwunsch – um Schüßler-Salze und Bach-Blüten, ihre Einordnung aus medizinwissenschaftlicher Perspektive und vor allem um ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede untereinander und im Verhältnis zur Homöopathie. Ja, mir ist durchaus bekannt, dass beide „Medizinen“ in den Apotheken gut nachgefragt sind und über die Theke gehen. Ohne dass dort hinreichende Klarheit geschaffen wird. Deshalb!

Bild von Mohamed Hassan auf Pixabay

Und das in einer halben Stunde …? Wir haben es versucht. Mir ist dabei klar geworden, dass ich dazu auch einmal etwas aufschreiben muss. Also dann!


Was vermutlich zunächst überrascht, denn dies vermitteln einem weder die Bekannten mit den „guten Erfahrungen“ noch erfährt man (in der Regel) dazu etwas in der Apotheke: Weder Bach-Blüten noch Schüßler-Salze kann man als Homöopathie bezeichnen und jedenfalls klassische und genuine Homöopathen (die, die noch halbwegs nach Hahnemanns Lehre arbeiten und noch nicht ins Reich der Fantasie abgedriftet sind) werden das auch weit von sich weisen.

Beiden fehlen tragende Aspekte von Hahnemanns Homöopathie. Schüßler und Bach berufen sich weder auf Ähnlichkeitsprinzip noch auf rituelle Potenzierung (also die Kombination von Verdünnen und Schütteln und die damit einhergehende „Wirkungsverstärkung“). Bach immerhin setzt auf „Schwingungen“ und ist damit nicht so weit weg von Hahnemanns „geistiger Arzneikraft“ – Schüßler braucht die nur an einer einzigen Stelle seiner Lehre (wir kommen darauf zurück) – und verstand das damals durchaus nicht als esoterisch.

Oha!?

Ja, tatsächlich. Und es kommt noch toller.

Denn Schüßler-Salze gelten als Arzneimittel, woraus folgt, dass sie ausschließlich in der Apotheke erhältlich sind. Bach-Blüten dagegen sind rechtlich als Lebensmittel eingestuft!

Bitte???

Wilhelm Schüßlers „Biochemische Methode“

Ja, tatsächlich. Nach der EU-Arzneimittelrichtlinie ist Homöopathie alles, was nach homöopathischen Prinzipien hergestellt ist. Offensichtlich wird das weit ausgelegt – nur, weil die Schüßler-Salze als D6- und D12-Dilutionen (also Verdünnungen) angeboten werden, sind sie – was offenbar sogar Apothekerkammern manchmal nicht wissen – im Auge des Gesetzes Homöopathie. Der Begriff „Potenzen“ im homöopathischen Sinne ist aber ja gar nicht angebracht! Denn hier bei den Salzen sind es ja tatsächlich nur Verdünnungen, wie es Schüßler umfangreich beschrieb und begründete – und Schüßler bezweckte damit auch etwas ganz anderes als die Freisetzung einer „immer stärker werdenden geistigen Arzneikraft“, was der Sinn der eigentlichen homöopathischen „Potenzierung“ ist. Er sagte auch ganz klar, seine Methode sei „keine homöopathische“.

Man mag also durchaus an der Berechtigung zweifeln, den Schüßler-Salzen als „nach homöopathischen Grundsätzen hergestellten“ Mitteln die Arzneimitteleigenschaft zuzugestehen. Gleichwohl ist eine D6 – bis auf drei von Schüßlers 12 Mitteln die Regel – schon eine Verdünnung von 1 zu einer Million und damit die Grenze, an der die natürlichen Verunreinigungen in selbst für Laborzwecke aufgereinigten Lösungsmitteln (im Falle Schüßlers durch Verreibungsschritte mit Milchzucker) den Rest des Urstoffes übersteigt. Interessanterweise gab es den eigentlich daraus folgenden Einwand, es müssten daher stets auch (alle) anderen Mineralstoffe in etwa D6 bis D8 in seinen Salzen stecken, eingebracht durch das Lösungs- bzw. Verreibungsmittel, schon zu Schüßlers Zeiten. Er bemüht sich in seinem Büchlein wortreich, das als irrelevant hinzustellen, was es aber durchaus nicht ist.

Mit seiner von ihm selbst als „Biochemie“ bezeichneten Heilweise entfernte er sich unterm Strich also maximal von homöopathischen Grundsätzen. Obwohl er als Homöopath begonnen hatte (ein wenig zwangsweise, denn seine ärztliche Zulassung nach einem abgebrochenen Studium war einigermaßen dubios und er erhielt sie nur für eine homöopathische Praxis). Dann aber begann er, sich von der Homöopathie zu lösen – sie war ihm zu kompliziert. Eigentlich wollte er nur „weniger Mittel“ haben. Als er dann aber das Ähnlichkeitsprinzip verneinte und sich für Hahnemanns Potenzierungsidee (Wirkungszunahme durch Rituale während des Verdünnens) nicht die Bohne interessierte, wurden die Homöopathen einigermaßen ungehalten und kritisierten ihn scharf. Sie waren nicht bereit, Schüßlers „Biochemie“ als Homöopathie anzuerkennen. Die Sache eskalierte ordentlich und endete damit, dass Schüßler aus dem Zentralverein homöopathischer Ärzte austrat. Er war – nicht nur in diesem Fall – als ein streitlustiger Herr bekannt, der keine Gelegenheit ausließ, auf seinen Kritikern herumzuhacken.

Gleichwohl kann man aus vielen seiner Äußerungen entnehmen, dass er seine Methode als eine Art Bindeglied zwischen Homöopathie (die er nicht etwa gänzlich verwarf) und der sich gerade entwickelnden wissenschaftlichen Medizin ansah. Ursprünglich bezeichnete Schüßler seine Methode ja auch als eine „abgekürzte Homöopathie“ – er empfand sich wohl tatsächlich gleichzeitig in der Nachfolge Hahnemanns und als Jünger Rudolf Virchows, des Entdeckers der Zellularpathologie. Der wird sich gefreut haben …

Was die wissenschaftliche Beleglage angeht: es gibt überhaupt keine wissenschaftlichen Studien zu Schüßler-Salzen und ihrer Wirksamkeit. Keine einzige. Nichts zu finden in den medizinischen Datenbanken. Da müssen wir schon mal zurückgehen bis ins Jahr 1904, als das Preußische Ministerium für Medizinal-Angelegenheiten eine Begutachtung von Schüßlers Methode beauftragte. Die fiel ziemlich verheerend aus und der Gutachter hatte kein Problem damit, anzudeuten, dass es sich hier entweder um einen Scharlatan oder einen „Schwachsinnigen“ handeln müsse. So stand es drin. Wir wollen da nicht urteilen, skurrile Methoden gab es damals wie Sand am Meer, zumal seit 1869 im Deutschen Reich die „Kurierfreiheit“ galt, also jedermann ungehindert „Heilkunde“ ausüben konnte. Ärzten schien man allerdings durchaus auf die Finger geschaut zu haben. Interessant ist für uns vielmehr, wie populär die Methode noch heutzutage ist.

Wozu vielleicht auch beiträgt, dass heute die Bezeichnung „Biochemie“ eine Nähe zur wissenschaftlichen Biochemie suggeriert, was aber wieder eine Sache für sich ist. Zu Schüßlers Zeiten steckte das, was heute als Biochemie bezeichnet wird, gerade mal in den Kinderschuhen und nannte sich „physiologische Chemie“. Durch den Namenswandel dieser Disziplin geriet Schüßlers „Biochemie“ irgendwie in deren Nähe, obwohl er sich in seinem Büchlein von der „Biochemischen Heilweise“ selbst wiederum von der „physiologischen Chemie“ abgrenzte. Was wohl nur dem Wunsch geschuldet war, etwas Eigenes, Originales geschaffen zu haben. Näheres gleich, erstmal kurz zu Edward Bach, dessen Namen die bekannten Mittelchen tragen, die haben also mit Blüten an Bächen nur vielleicht rein zufällig mal was zu tun.

Edward Bachs Blütenessenzen

Bach kam auch von der Homöopathie. So richtig überzeugt davon scheint er aber nie gewesen zu sein. Er suchte wohl zeitlebens nach der „einen“ Krankheitsursache und einem „universellen“ Heilmittel (Schwurbelalarm!) und neigte dabei Mystizismus und Pseudopsychologie zu. Nachdem er ein Jahr lang zu Nosoden (homöopathische Zubereitungen aus pathogenem Material) „geforscht“ hatte, eröffnete er eine Landarztpraxis. Aber auch die schloss er ziemlich bald wieder (offenbar konnte er sich das erlauben) und machte sich künftig nur noch auf die Suche nach seiner universellen Heilmethode. Seine Überzeugung, dass alle (!) Krankheiten nur Folge psychologischer Befindlichkeiten und Zustände seien, hatte er da bereits gefasst. Von der Homöopathie war er da schon weit weg.

Das „universelle Heilmittel“ – und zwar nicht gegen die Krankheiten, sondern gegen die „eine Ursache“, die Störung des seelischen Gleichgewichts – fand er in den „Schwingungen“ von Blütenessenzen. Wie kam er nun darauf? Nun, rein „intuitiv“, oder anders ausgedrückt: er hat sich das mit erheblicher Fantasie so ausgedacht. Wozu passt, dass er selbst nie auch nur auf die Idee kam, einen Wirkungsnachweis für seine Mittelchen zu führen,

Wie kam er nun auf die Zuordnung von Pflanzen zu Zuständen von Psyche und Gemüt und von da aus zu Krankheitsbildern? Wie seine damalige Assistentin berichtete (und er selbst auch in seinem Buch „Zwölf Heiler“ beschrieb) spürte er bei der „Begegnung“ mit Pflanzen selbst ganz deutlich die Art von Verstimmung, gegen die diese geeignet sein würden. Im Zweifel legte er sich ein Blütenblatt oder ein anderes kleines Stück der Pflanze auf die Zunge und damit war dann die Forschung abgeschlossen. Mehr Esoterik geht allenfalls noch in der Anthroposophie.

Bach stellte seine Pflanzen in einem Wasserkübel entweder eine Weile in die Sonne oder – im Falle von eher holzigen und festen Pflanzenteilen – kochte er sie schlicht ab. Anfänglich sammelte er den Morgentau von den Blüten, das erwies sich für ein größer angelegtes Geschäftsmodell allerdings als schwierig … Und Achtung! Was finden wir hier wieder im Hintergrund mitschwingen? Das Wassergedächtnis …

Die Sache mit den Tautropfen ist schon länger passé …
Bild von Gabi auf Pixabay

Er verdünnte diesen Pflanzensud (der letztlich qualitativ und quantitativ undefinierbare Stoffe zum Inhalt hatte) zur Hälfte mit Cognac oder Brandy. Tja … es sei aber angemerkt, dass er damit keinen medizinischen Zweck verfolgte, sondern wohl nur eine Art Keimfreimachen. Irgendwas mit Potenzen gabs bei ihm nicht, vor allem keine definierten Potenzstufen. Und das ist der Punkt, der ihn aus der Definition von Homöopathie herausfallen ließ. Daran ändert auch nichts die Anweisung, diese dann als „Bach Stockbottles“ vertriebenen Lösungen zur Einnahme nochmal mit einigen Tropfen auf ein Glas Wasser zu verdünnen. So ist man ohnehin auf jeden Fall schon in der Größenordnung jenseits jeder physiologischen Wirksamkeits-Wahrscheinlichkeit angekommen. Aber das ist ja egal, es geht ja nur um die Schwingungen!

stux, Pixabay (Lizenz CC0)

Eine andere Sache ist, dass es Menschen gibt, die sich an die Sache mit den paar Tropfen nicht halten – und bei wiederholter gering oder gar nicht verdünnter Einnahme oder gar dem Konsum ganzer Stockbottles eine gewisse Menge Alkohol zu sich nehmen. Der Alkoholanteil von Bachblütenessenzen liegt etwa bei 27 Volumenprozent. Nicht schlecht! Oktoberfestbier hat etwa sechs Volumenprozent. Ein Fall eines bösen Alkoholiker-Rückfalls dadurch ist tatsächlich dokumentiert.

Für Kinder – insbesondere Säuglinge und Kleinkinder – würde ich persönlich allein wegen des Alkoholgehaltes Bach-Blüten gar nicht in Erwägung ziehen (abgesehen davon, dass ich das ohnehin nicht tun würde). Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA empfiehlt schon lange, Neugeborenen und Kindern bis zu 2 Jahren überhaupt keine „pflanzlichen“ Mittel auf alkoholischer Basis zu verabreichen sowie dies bei Älteren zu minimieren. Es gibt eine Absichtserklärung der EU-Kommission, dazu auf Sicht eine europäische Harmonisierung mit dem Endziel anzustreben, Alkohol generell aus Medikationen für Kinder und Heranwachsende zu verbannen. Warum, glaubt ihr wohl, ist vor einigen Jahren das jahrzehntelang „beliebteste Erkältungsmittel Deutschlands“, Meditonsin-Tropfen, plötzlich auch als Globuli auf den Markt gekommen?

Die hauptsächliche Parallele Bachs zu Hahnemann ist also das Setzen auf eine Art „geistigen“, jedenfalls „immateriellen“ Agens als Grundlage einer Wirkung. Ob das nun „Energie“ oder „Schwingung“ oder „feinstofflich“ heißt (Bezeichnungen, die heute auch „modern“ für Hahnemanns „geistige Arzneikraft“ verwendet werden), läuft auf das Gleiche hinaus, Denn diese Begriffe werden entweder nicht im klar definierten physikalischen Sinne verwendet (Energie, Schwingung) oder sind leere Worte (feinstofflich). Und an dieser Stelle wird klar, dass insofern Bach dem guten alten Samuel Hahnemann eigentlich nähersteht als Schüßler (der „Feinstofflichkeit“ nur als Erklärung braucht, wie die Mineralsalze in die Zelle gelangen sollen), obwohl wiederum anders als dessen Salze Bachs Essenzen rechtlich nicht als Homöopathie und damit auch nicht Arzneimittel … alles klar?!?

Ich sag ja, Gemengelage. Gepflegter Irrsinn, möchte man fast sagen.

Para- und Pseudowissenschaft

Beide Methoden balancieren auf der Grenze zwischen Para- und Pseudowissenschaft. Was uns Gelegenheit gibt, auch zu diesen Begriffen einmal Klarheit zu schaffen: Pseudowissenschaft nimmt für sich Wissenschaftlichkeit in Anspruch, ohne dafür die notwendigen Belege beibringen zu können (und meist ohne die „Spielregeln“ der Wissenschaft zu akzeptieren). Eine Pseudowissenschaft in diesem Sinne ist klassischerweise die Homöopathie oder auch die sogenannte „ernsthafte“ Astrologie.

Eine Parawissenschaft dagegen ist der klassische „Schwurbel“, der sich in Spekulationen und kühnen Behauptungen ergeht, aber gar nicht den „Ehrgeiz“ hat, das auf eine Ebene von Wissenschaftlichkeit zu heben – oder Wissenschaft glatt ablehnt. Wahrsagerei und Hellsehen zum Beispiel. So wie auch manches auf dem sogenannten „grauen Gesundheitsmarkt“, der dank eines lahmenden und hinkenden Verbraucherschutzes im Gesundheitswesen hierzulande sozusagen hinter jeder Ecke anzutreffen ist. Bach hatte offensichtlich keinen Ehrgeiz, sich wissenschaftlich zu etablieren, der wäre also ein formvollendeter Parawissenschaftler. Schüßler sah das zwar anders, aber er genügte sich wohl selbst in seinem Bewusstsein, sowohl Jünger von Hahnemann als auch von Virchow zu sein – bei ihm kommt ja auch noch das Fehlen jeglichen Versuches dazu, seine Methode nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu belegen. Andererseits wird er durch die Einbeziehung in den rechtlichen Begriff der homöopathischen Mittel wieder auf eine gewisse Ebene gehoben …

Sicher ist klar geworden, warum ich beide in der Grauzone zwischen Para- und Pseudowissenschaft verorte. Aber das nur zur Klärung nebenbei.

Jetzt aber noch ein wenig Wissenswertes zu den Therapievorschlägen beider Herren.

Schüßler setzte sich dadurch von den Homöopathen ab, indem er das Ähnlichkeitsprinzip durch seine biochemischen Überlegungen ersetzte und eine Wirkungszunahme durch Potenzierung nicht brauchte, nicht einmal irgendwo erwähnte, sondern mit umfangreichen physiologischen Begründungen auf „Verdünnung“ (bzw. auf Verreibung) „bis zur 6. Decimalstufe“) setzte. Schüßler selbst benutzte nie den Begriff „Potenzierung“, er interessierte sich offensichtlich nicht dafür.

Verdünnungen!!!
Quelle: Digitalisat der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) 

Gleichwohl liest man überall auf Schüßler-Infoseiten von „Potenzierung“, doch ist das ein von der Homöopathie mit einem bestimmten Bedeutungsinhalt geprägter Begriff (Verdünnen unter gleichzeitigem rituellem Schütteln, was eine „Wirkungszunahme der geistigen Arzneikraft“ bewirken soll), der bei Schüßler-Salzen durchaus unangebracht ist. Möchte man hier eine Nähe zur Homöopathie suggerieren? Oder wird das gar nicht mehr reflektiert?

Wichtig zu wissen ist, dass Schüßler mit seinen Salzen gar nicht direkt supplementieren, also Mineralstoffmängel ausgleichen wollte. Nein, obwohl er seine Lehre – anders als Hahnemann – auf gerade einmal 80 Druckseiten niederlegen konnte, war es schon etwas komplizierter. Er stellte sich vor, dass die Aufnahmefähigkeit für die essenziellen Mineralstoffe in den Zellen gestört sei, was zu einem zellulären Mangel führe und damit Krankheitserscheinungen aufrechterhalte. Aufrechterhalte? Ja, denn Auslöser dieser „Störung“ sei gerade die zu behandelnde Krankheit selbst, weil ihr pathogener „Reiz“ dazu führe, dass sich die Zellen sozusagen verausgaben und damit ihren Mineralstoffvorrat verlieren würden. Schüßlers Mittel bezwecken dabei aber nur, auf die Zellen einen gegenteiligen Reiz auszuüben, einen Anstoß, damit sie wieder ordentlich ihre Pflicht tun und die notwendigen Stoffe aus der Nahrung wieder aufnehmen. Er präzisierte dabei sogar, dass dazu die Zellen genau 26 Moleküle des Salzes aufnehmen müssten. Niemand weiß, wie er darauf kam und weshalb er annahm, genau dies werde exakt durch seine D6 – oder D12-Verdünnungen erreicht. An dieser Stelle kommt auf einmal beim so rationalen Schüßler doch wieder die „Feinstofflichkeit“ ins Spiel mit ihren „Schwingungen“ – damit erklärt er nämlich, wie die Moleküle ins Innere der Zellen gelangen sollen. Gar nicht mal so unkompliziert, oder?

Nun, wie dem auch sei. Jedenfalls durchaus folgerichtig schrieb Schüßler, damit dieser „Anstoß“ für die Zellen auch seinen Zweck erreicht, nach der Einnahme seiner Salze eine spezielle Diät vor, die dann die eigentliche Supplementierung (den Mangelausgleich) über die nun „aufnahmebereiten Zellen“ vornehmen solle. Erfährt man das in irgendeiner Apotheke? Weiß man das dort überhaupt? Oder lässt man die Leute in dem Irrglauben, sie würden allen Ernstes einem Mineralstoffmangel entgegenwirken?

Leider wohl ja – Natalie Grams brachte in unserem Gespräch das Beispiel, dass etliche SportlerInnen Magnesiummangel auszugleichen oder vorzubeugen glauben, wenn sie Schüßlers Salz Nr. 7 (Magnesiumphosphat) einnehmen … Und die so beliebte „heiße Sieben“? Genauso wenig wirksam wie alle anderen Stoffe Schüßlers, sie ist wohl irgendwie „populär“ geworden, weil die Nr. 7 das einzige Präparat war, bei dem Schüßler ein Auflösen in Wasser vorgeschrieben hat. Alle anderen Salze sollen schon direkt über die Mundschleimhaut, spätestens über die Schleimhaut der Speiseröhre aufgenommen werden. Schüßler befürchtete, dass seine „26 Moleküle“ im Verdauungstrakt Schaden nehmen oder chemisch ungewollt zu anderen Verbindungen reduziert werden könnten. Auch dazu habe ich bislang in Apotheken noch nie etwas gehört ….

Schüßler hat also ein ganzes Therapiesystem geschaffen, bei dem es – selbst angenommen, es sei richtig – absurd wäre, sich auf die Einnahme der Salze zu beschränken. Zudem muss – Therapie setzt Diagnose voraus – erst einmal festgestellt werden, an welchem „Mangel“ im Schüßler’schen Sinne der Patient oder die Patientin denn eigentlich leiden. Auch dafür hat Schüßler seine spezielle Methode: die Antlitzanalyse. Man soll tatsächlich am Gesicht erkennen können, was Sache ist. Diese großartige Idee wurde übrigens von einem ehemaligen Polizeisekretär namens Kurt Hickethier aufgenommen, der zwei „Genesungsanstalten“ betrieb und die Antlitzanalyse zu einen ausgetüftelten „System“ namens „Sonnerschau“ entwickelte. Und die findet sich noch heute im Diagnostikrepertoire manches Heilpraktikers wieder, durchaus auch ganz unabhängig von Schüßlers System.

Hand aufs Herz, liebe Schüßler-Fans: wann hat zuletzt jemand in der Apotheke durch einen längeren Blick in euer Antlitz gecheckt, ob ihr auch nach dem richtigen Schüßler-Salz verlangt? Na? Obwohl ich schon weiß, dass es so etwas hier und da in Apotheken, die dem „Alternativen“ zugeneigt sind, als „Kundenservice“ durchaus gibt, oft ganz ohne Zusammenhang mit Schüßler-Salzen.

Noch einen obendrauf: Schüßler meinte, die Antlitzanalyse sei rein intuitiv und könne nicht durch Beschreibungen oder Schaubilder erlernt werden. Was Hickethier nicht weiter scherte. So ist das nun mal im Paralleluniversum.


Noch genug Kondition für ein bisschen Bachblütenkunde?

Vielleicht ist schon mal aufgefallen, dass man die Blütenessenzen mit den Stockbottles auch nur in Apotheken bekommt (und bei bestimmten, meist in England beheimateten Versandhändlern). Wie das? Liegt daran, dass der Originallieferant mit Lizenz der Bach-Stiftung, die Firma Nelsons, nur an Apotheken exportiert – kein schlechter Schachzug. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von „Derivaten“, also von Bachs Essenzen „abgeleiteten“ Präparaten, von Alpenblüten bis zu Himalayablüten, die aber nicht die Bezeichnung Bach-Blüten führen dürfen. Die Optik der bekannten Original-Stockbottles mit dem Bach-Schriftzug tut das Übrige in Sachen Kundenbindung.

Werfen wir noch einen Blick auf einen fundamentalen Unterschied zwischen Hahnemann und Bach. Und zwar auf die Hahnemannsche und die Bachsche Ätiologie, also die jeweilige Lehre von der Ursache und der Entstehung von Krankheiten. Hahnemann vermied zeitlebens eine Kategorisierung von „Krankheit“ und lehnte ein Konzept überindividuell gleichförmig auftretender Krankheiten ab – er sprach ja nur davon, dass von „Krankheit“ nicht mehr zu erkennen sei als die außen wahrnehmbare individuelle Symptomatik. Daraus folgt Hahnemanns Postulat einer individuellen „verstimmten geistigen Lebenskraft“, der eine „geistige Arzneikraft“ mit der Auslösung einer auslöschenden „Kunstkrankheit“ entgegenwirken soll. Was dann wiederum die Basis für die vielgepriesene „Individualität“ der homöopathischen Therapie bildet und ebenso die Grundlage für die stetige abstruse Behauptung, die „Schulmedizin“ behandle keine Ursachen, sondern Symptome.

Bei Bach findet sich davon nichts. Dessen „Ätiologie“ zeichnet sich gegenüber Hahnemann (bei dem wir den Stand des Wissens in der ersten Hälfte des 19. Jh. zugrunde legen müssen) immerhin in den 1930er Jahren (!) durch ausufernd subjektive, damit inkonsistente reine Annahmen aus, bei der er gar nicht erst den Versuch unternahm, diese zu validieren (also auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen). Zwar war seine These, alle Krankheiten hätten ihre Ursache in seelischen Verstimmungszuständen („unharmonischen Schwingungen“), damals irgendwie so etwas wie ein Zeitgeistphänomen, wenn nicht gar ein Hype, aber gegenüber Hahnemanns Zeiten war die wissenschaftliche Medizin einschließlich der Ätiologie schon weit entwickelt. Bach scheint das – obwohl studierter Mediziner – gleichgültig gewesen zu sein, typisch Paramediziner.

Die Ausschließlichkeit aber, mit der Bach diese These allein psychische Ursachen für sämtliche Krankheitszustände in Anspruch nahm, diskreditierte seine Ätiologie aber schon damals. Sein nächster Schritt führte nun vollends ins Unbelegt-Subjektive. Schlicht aufgrund seiner „Intuition“ ordnete er „seelische Verstimmungszustände“ einzelnen Pflanzen zu. Und nicht nur das. Als Grundfolie der „Verstimmungszustände“ verwendete er die Archetypenlehre von C.G. Jung eine sehr vom – heute als unwissenschaftlich qualifizierten – Übervater Freud beeinflussten Psychologie (bei der Archetypenlehre z.B. spielt die Lehre vom „Unbewussten“ noch eine wesentliche Rolle). Möglicherweise sah er in dem einer gewissen Mystik (Traumlehre) durchaus zugeneigten Jung so etwas wie einen ideellen Partner …

Gerade der Anspruch, seelische, psychologisch einzuordnende Zustände und Befindlichkeiten nach „Archetypen des kollektiven Unbewussten“ mit den Blütenessenzen per „Schwingungsausgleich“ beeinflussen und damit die aus den Verstimmungszuständen erst folgenden Krankheiten kurieren zu wollen, ist das so Bedenkliche an der Pseudomethode Bach-Blüten. Man schaue sich nur einmal die Auswüchse an, die sich inzwischen auch in Apotheken zeigen; Bachblüten-Drops oder Gummibonbons gegen Schulangst … ich erspare uns hier weitere Beispiele. Zu suggerieren, regelrechte psychologische Krankheitszustände (teils deutlich über alltägliche Befindlichkeitsstörungen hinaus, die einen Griff zu Medikationen ohnehin gar nicht rechtfertigen) als eigentliche Krankheitsursache beheben zu können, macht die Bach-Blüten zu potenziell sehr kritischen und auch unethischen Mitteln. Hier wird suggeriert, dass es nur geringen Aufwandes bedarf, um wieder „in Ordnung zu kommen“ – fatal bei der ohnehin stark empfundenen Hemmschwelle, fachliche psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist der eigentlich wirklich fatale Punkt an der ganzen Bachblütengeschichte.

Man wird festhalten müssen, dass Bach ein Sonderling war, der – bei allen Unterschieden von der Homöopathie mitgeprägt – über den Weg einer esoterisch fundierten Naturverklärung zu seinen völlig subjektiven Thesen kam, die er selbst nie irgendwie empirisch prüfte und die auch in späteren Zeiten rigoroser empirischer Prüfung nicht standhielten. Es gibt trotz Bachs Desinteresse an wissenschaftlichen Belegen einiges an Studien (anders als bei den Schüßler-Salzen), sogar einige systematische Reviews der Studienlage. Erwartungsgemäß kommt keine dieser Arbeiten auch nur in die Nähe eines Belegs für eine medizinisch relevante Wirksamkeit.

Es verwundert auch nicht, dass Bachs mystisch-esoterisch zu verortende „Blütentherapie“ nach seinem Tode erst einmal schnell in Vergessenheit geriet und irgendwann (als sich ein Geschäftsmodell in der „New-Age-Ära“ der 1970er Jahre abzeichnete) recht plötzlich wieder das Tageslicht erblickte. Dass Bach-Blüten rechtlich Lebensmittel sind (und um ein Haar als alkoholische Getränke eingestuft worden wären) wissen die wenigsten Konsumenten. Damit ist die Werbung mit allzu konkreten gesundheitsbezogenen Aussagen sehr beschränkt, es ist nicht mehr möglich als das, was die Health-Claim-Verordnung der EU zulässt (z.B. allgemeine Aussagen zur Stärkung des Immunsystems, was ich auch schon für problematisch halte – und was arzneimittelrechtlich in Bezug auf Homöopathie schon untersagt wurde). Andererseits wirkt dann natürlich wieder der Verkauf in Apotheken vertrauensbildend. Über Inhalt und Qualität der Beratung dort wollen wir nicht spekulieren.

Übrigens wurde für das populärste aller Bach-Mittel, die sogenannten Rescue-Tropfen (Kombination aus fünf Einzelmitteln, die sozusagen als Expressmedikament für und gegen fast alles wirken sollen) vor nicht langer Zeit durch den Europäischen Gerichtshof diese Bezeichnung untersagt. In dem Wort „Rescue“ sahen die Richter eine gesundheitsbezogene Aussage, die die Schwelle der Health-Claim-Verordnung überschreite. Woraufhin Nelsons aus der Not eine Tugend machte, eine Werbekampagne startete und den neuen Begriff „Rescura“ massiv bewarb. So geht das!

Jetzt ist es aber genug …

Jetzt wisst ihr so ungefähr Bescheid, Bach und Schüßler sind im Grunde schöne Beispiele für die Zeitgebundenheit früherer medizinischer Ideen. Wir wollen uns allerdings nicht davon freisprechen, dass möglicherweise das, was wir heute für das Nonplusultra wissenschaftlicher Erkenntnismethoden halten, in den Augen späterer Generationen auch irgendwann mal „zeitgebunden“ erscheinen mag. Ein Kernpunkt heutiger wissenschaftlicher Methodik ist aber, die hemmungslose Subjektivität (man könnte auch sagen: Fantasie), wie sie sowohl bei Schüßler als auch bei Bach zum Ausdruck kommt, systematisch aus der empitisfchen Untersuchung (natür)wissenschaftlicher Fragen auszuscheiden. Das ist eine große Errungenschaft, die jedes „mir hat es aber geholfen“ obsolet macht – und wesentliche Grundlage moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis insgesamt. (Edit 13.11.2022: präzisiert nach Hinweis im Kommentar von Joseph Kuhn).

Geschichten rund um diese Mineral- und Blüten-Absurditäten gibt es noch weit mehr, zum Beispiel zur Bedeutung beider in der sogenannten alternativen Tiermedizin, aber es ist hier eh zu lang geworden. Merken wir uns einfach: Schüßler-Salze und Bach-Blüten sind ohne Homöopathie in der Vita ihrer Erfinder zwar nicht denkbar, unterscheiden sich aber ungeachtet ihrer unterschiedlichen rechtlichen Einordnung beide gravierend von dieser – und untereinander. Gemeinsam ist allen drei „Therapiemodellen“ die nie nachgewiesene medizinische Wirksamkeit.


Ganz zum Schluss hier die 12 Schüßler’schen „Salze“. Für alle, die in Chemie aufgepasst haben: welches davon ist gar kein Salz?

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4 Gedanken zu “Schüßler-Salze, Bachblüten, Homöopathie – ja was denn nun?

  1. Sehr informativ, danke.

    Eine Anmerkung am Rande: Mit der pauschalen Aussage, der Ausschluss des Subjektiven sei Grundlage aller modernen Wissenschaft, sollte man vorsichtig sein, weil das in der Psychologie für die Analyse begründeten (statt verursachten) Handelns nicht so ohne Weiteres gilt. Siehe kurz: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2018/12/01/replikationskrise-oder-grundlagenkrise/, oder (sehr) lang: https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/leben/grundlegung_der_psychologie-18.html

    Aber für Wirksamkeitsaussagen bei Arzneimitteln spielt das natürlich keine Rolle, „Wirksamkeit“ ist kein begründetes Handeln, sondern eine kausale Folge.

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    1. Vielen Dank! Ja, „aller modernen Wissenschaft“ ist letztlich zu umfassend, eine Beschränkung auf den empirischen Teil der Naturwissenschaften ist hier sicher angebracht. Ich werde es noch ein wenig rund schleifen.
      Für mich wird nach all den Jahren immer klarer, wie wenig die Allgemeinheit den gravierenden Unterschied zwischen Subjektivität und Intersubjektivität versteht. Ganz zu schweigen von den Instrumentarien, die z.B. in der medizinischen Forschung existieren, um das eine auf die Ebene des anderen zu bringen. (Nein, nicht schon wieder mein ceterum censeo in Sachen Bildung – oder doch …?)

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      1. Beim Thema Subjektivität kommt es vor allem darauf an, sehr genau darauf zu achten, worüber man spricht.

        Holzkamp hat eine „Psychologie vom Standpunkt des Subjekts“ entwickelt, aber nicht, indem Wissenschaftlichkeitsansprüche zurückgenommen wurden oder der Weg in einen postmodernen Relativismus beschritten wurde, im Gegenteil. Aber das ist ein kompliziertes Thema und wie gesagt, es berührt die Wirksamkeitsdebatte bei Homöopathika nicht (weil man sich hier nicht auf der Ebene subjektiver Handlungsgründe bewegt, sondern in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang).

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  2. xpistian

    Danke für den ausführlichen Blogbeitrag.
    Habe da noch ein bisschen was gelernt, was die Leute bei mir in der Apotheke tatsächlich noch nie gehört haben – da ich Homöopathie, Schüsslersalze und Bachblüten ohnehin nicht empfehle. Aber gut zu wissen, wenn doch mal jemand genauer fragen sollte.

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